Nein-nein, es ist gar nicht gefährlich,
sagen Dir alle, bevor du zum ersten Mal eingestiegen bist. Und dann stülpst
du dir den Helm über den Kopf, läßt das Visier runter und
hockst dich auf diesen Schlitten aus Eisen und Blech und zweifelst ziemlich
heftig an deiner Vernunft.
Spätestens anderthalb Minuten später weißt du: Es
ist gefährlich, mit einem mehr als 600 Kilo schweren Schlitten durch
einen rund 1600 Meter langen Eiskanal zu rasen. Und die Konsequenz aus
dieser Erkenntnis: Du willst es gleich nocheinmal tun.
Irgendetwas in den Köpfen von erwachsenen
Männern (und neuerdings auch wieder Frauen) muß schief sein,
daß sie Spaß daran haben, durch diese Eisrinne zwischen St.
Moritz und Celerina zu donnern, auf einem Gefährt, das mit einer Kanonenkugel
vergleichbar ist, aber durch 15 enge und steile Kurven gesteuert werden
muß und dabei eine Geschwindigkeit bis zu 140 km/h erreicht.
Nein-nein, es ist nicht gefährlich, und
du hast auch keine Angst, wenn du das erste Mal auf den Sunny-Corner zufährst
- du hast ganz einfach Panik.
Vor dir ist diese Eismauer, vier Meter hoch,
und du denkst, auch wenn ein erfahrener Pilot vor dir an den Steuerseilen
sitzt, daß du gleich zerschmettert wirst. Und du krallst dich an
deine Haltebügel wie an ein untergehendes Schiff. Du bist jetzt rund
30 Sekunden unterwegs, den Anlauf hinunter, wo dieses Geräusch angefangen
hat, dieses Holpern und Scheppern und bedrohliche Donnern der Kufen, und
der Schlitten hat immer mehr Fahrt gemacht, du bist durch die ersten noch
harmlosen Kurven getaumelt wie ein Mehlsack - und jetzt diese Sunny-Corner
Eiswand vor dir.
Du wirst ganz leer innendrin, etwas in dir
fühlt sich schwarz, dumpf, abwesend. Nur deine Augen sind offen, sehen
die Wand näherkommen. Die drei Sekunden, die du noch vor dir hast,
sind ein Jahrhundert... und du hockst einfach da, zusammengekauert, auf
ein Ende wartend, und siehst nur den Helm deines Vordermannes, der hin
und herbaumelt, und diese Eiswand, die in Zeitlupe auf dich zuschießt,
und es falle dir keine Gebete ein und auch kein Gelübde, die dich
noch retten könnten...
Jetzt haut es die Welt auf den Kopf, mit einem
Schlag. Die Bäume entlang der Bahn hängen waagerecht in der Luft,
unter dir liegt eine zusammengestauchte Holzhütte, dein Augenfilm
schaltet um auf Zeitraffer, aber du erkennst gar nichts mehr, Film gerissen.
Zack, ein Knüppelhieb von rechts, da bist
du wieder, der Schlitten schlägt mit voller Wucht gegen eine Eismauer
links, aber du lebst immer noch. Du realisierst, daß du den Sunny
überlebt hast und jetzt gleich der Nash-Dixon kommt, diese links-rechts
Doppelkurve, die so harmlos aussieht und in der einer der letzten tödlichen
Unfälle auf dieser Bahn passiert ist.
Wie eine Schaufensterpuppe schlägt es dich
durch die Kombination, die nach zwei englischen Bob-Champions benannt ist
- und daß die die Engländer spinnen, wenn es um Wintersport
geht, weißt du ja. Sonst hätten sie ihn gar nicht erfunden.
Und jetzt der Horseshoe, das Hufeisen. Eine
5 Meter hohe Steilwandkurve, an der Kuppe überhängend, auf daß
keiner darüber hinausschießen werde. 180 Grad Richtungsänderung
bei einem Kurvenradius von 15 Metern. Die Kantonsstraße entlang der
Bobbahn macht an dieser Stelle eine Spitzkehre, die man auch im Range Rover
im ersten Gang fahren muß. So eng ist es hier, so steil, so unvorstellbar
unüberwindlich. Und du sitzt auf einem Schlitten und donnerst mit
gut 100 Stundenkilometern auf diese Wand zu - wie dieses Geschoß auf
Kufen überhaupt durch diesen Kessel finden soll, ist dir schleierhaft,
könnte dir vielleicht ein Physiker erklären. Oder erst recht
nicht.
Im Hufeisen klebt der Bob mit vier "G" an der
Eiswand - Tempo und Fliehkraft bewirken, daß der Schlitten viermal
sein sein Eigengewicht hat, er ist hier, mit Mannschaft, 2,5 Tonnen schwer.
Aber dein Kopf ist auch viermal schwerer, und der Helm ebenfalls, und du
würdest die die Welt hier wieder schief sehen, die Zuschauer unten
in der Kurve liegend, die Autos an einer Straße klebend - nur hat
dein Kopf vier "G" drauf. Also siehst du gar nichts.
Nach dem Hufeisen, in der nächsten Gegenkurve,
Telefon genannt, findest du deinen Kopf wieder: Er hängt weit links
aus dem Schlitten, touchiert beinahe die Eisfläche. Du wunderst dich,
daß du immer noch am Leben bist und ziehst den Kopf eilig zurück.
Was jetzt kommt, realisierst du als Boblehrling kaum noch. Du hast zwar
die Bahn studiert, bist mehrmals an all den Kurven entlanggelaufen, weißt,
daß sie Shamrock und Devils Dyke und Bridge und Tree und Sachs und
Martineau heißen - aber das nützt dir jetzt alles nichts.
Dein Auge sieht, dein Gehirn funktioniert,
aber im Prinzip bist du ein blinder Passagier: Die Eiswände sausen
an dir vorbei, ohne daß du weißt, wo oben und unten, links
oder rechts ist. Du hockst einfach da, klammerst dich an den Schlitten,
siehst überlebensgroß den Helm deines Vordermannes und denkst
nur noch, daß es aufhören soll.
Doch wenn man unten angekommen ist, heil und
immer noch lebend und keuchend wie ein Langstreckenläufer, dann beginnt
das Hochgefühl, der Stolz, der Triumph, es geschafft zu haben - auch
wenn man zurück fährt zum Start, oben auf der Ladebrücke
des Lastwagens, den Helm unterm Arm, die Hand auf dem Bob und den Wind
in den verschwitzten Haaren, kommt man sich vor wie einer, der soeben die
ganze Welt bezwungen hat (und abends erzählt man es auch entsprechend).
Wenn man dann schon ein paar Fahrten hinter
sich hat und langsam lernt, den Kopf unterwegs unter Kontrolle und die
Augen offen zu halten, beginnt man sich zu wundern: Wie ist es überhaupt
möglich, ein solches Geschoß zu steuern.
Gut, die alten Profis sagen, ein guter Bob komme auch alleine ins
Ziel, man brauche ihn gar nicht zu steuern. Okay, gekauft - aber dann braucht
er eine Minute und dreißig Sekunden. Und wie bringt man jetzt die Zeit
in diesem eisigen Karussell auf unter 1.10.00 ? Und wo und wie und warum
kann man Hundertstel gewinnen?
Ich bin mehrfach eingeladen worden, selber
einmal an den Steuerseilen eines Bobs zu sitzen und mich als Pilot zu versuchen
ich habe es nie gewagt. Einfach weil meine Phantasie mir sagte: Das ist,
wie wenn du Autofahren lernst und erst bei Tempo 80 zum ersten Mal das
Steuerrad bedienen darfst (und die Bremsen ausgefallen sind)... |